Offener Brief an Papst Franziskus von Katharina Saalfrank, Diplom-Pädagogin / Musiktherapeutin, Berlin.

Eure Heiligkeit,

sehr geehrter Papst Franziskus,

 

 

die Äußerungen in Ihrer Generalaudienz dieser Woche haben mich zutiefst erschüttert und ich bin entsetzt. Sie haben tatsächlich das Schlagen von Kindern als eine akzeptable Erziehungsmaßnahme legitimiert. Sie erzählten, Sie hätten einen Vater sagen hören: "Manchmal muss ich meine Kinder ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen." Sie haben das kommentieren mit: "Wie schön, er hat einen Sinn für die Würde.“

 

Ich bin wirklich fassungslos, wie wenig Sie über das gesunde Aufwachsen von Kindern zu wissen scheinen und dass Sie in diesem Zusammenhang den Begriff der „Würde“ erwähnen, denn „Schlagen“ und „Würde“ schließen sich gegenseitig aus!

 

Ich weiß nicht, ob Sie diese Worte je lesen werden. Ich weiß nur, dass das so nicht stehen bleiben kann. Noch eines voraus geschickt: Ich gehöre nicht der katholischen, sondern der evangelischen Kirche an. Mein Vater ist Pfarrer und hat sich immer sehr für den Dialog und die Ökumene eingesetzt so dass ich mich auch aus dieser Erfahrung heraus mit diesen Worten an Sie wende. Allerdings nicht nur als Christin, sondern vor allem als Mensch, der sich für Kinder und deren gewaltfreies Aufwachsen und insgesamt für ein friedliches Miteinander einsetzt.

 

Bisher habe ich Sie als einen menschenfreundlichen, offenen, den Menschen zugewandten und lebensnahen Papst wahrgenommen. Auch, wie Sie bisher mit Kindern umgegangen sind hat auf mich einen freundlichen und liebevollen Eindruck gemacht.

 

Ich kann Ihnen zugute halten, dass Sie vielleicht in der Erziehung von kleinen Menschen nicht viel Erfahrung haben. Dass in Ihrer Heimat Argentinien die Debatte um die Würde und Unverletzbarkeit von Kindern noch nicht die Verankerung hat wie hier in Deutschland. Aber Sie setzen sich doch für ein wertschätzendes und friedvolles Miteinander ein? Wie soll die Welt friedlich werden, wenn wir den kleinen Menschen, die später Verantwortung tragen und unsere Welt gestalten sollen Gewalt antun, indem wir sie ihnen vorleben und sie dabei verletzen?

 

Schläge sind immer würdelos! Sie sind entwürdigen – egal wo hin, ob ins Gesicht, auf die Hand oder auf den Hintern. Dass wir Erwachsene einem Kind nichts anderes als Schläge zur Konfliktlösung anbieten, empfinde ich als eine jämmerliche Antwort. Und die Botschaften ans Kind sind fatal. Als Pädagogin und Therapeutin möchte ich Ihnen wesentliche Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie zitieren und Ihnen so die Tragweite Ihrer Aussage näher bringen:

Schläge und auch die vermeintlich leichten Klapse sind schädlich für die Entwicklung von Kindern, denn:

  • Sie bringen dem Kind Gewalt bei: Die Eltern fungieren hier als Vorbild!
  • Sie zerstören beim Säugling und Kleinkind die unersetzliche Sicherheit, geliebt zu werden.  Das Urvertrauen ist gestört – wie man auch beim Erwachsenen später erleben kann.
  • Sie erzeugen Ängste beim Kind: Die Erwartung der nächsten Strafe ist immerzu präsent. Die Beziehung ist also nicht von Liebe und Vertrauen, sondern von Angst geprägt.
  • Sie zerstören das Mitgefühl und die Sensibilität für andere und für sich selbst. Desensibilisierung ist die Folge. Die Fähigkeit, sich einzufühlen, Empathie zu entwickeln, ist nicht gegeben oder wird zerstört. Ein inneres Wachstum ist nicht oder nur begrenzt möglich, und die Entwicklung des Kindes wird beeinträchtigt.
  • Sie produzieren Ärger und Wut beim Kind und den Wunsch nach "Rache". Der Wunsch, der oft zunächst noch unterdrückt wird, richtet sich dann aber entweder gegen Geschwister oder auch gegen andere Personen. Oft können auch diese unterdrückten Wutgefühle erst im Erwachsenenalter ihren destruktiven Ausdruck finden, dann aber oft heftig.
  • Sie "programmieren" das Kind, unlogische Argumente zu akzeptieren: „Wenn ich dir weh tue, geschieht es zu deinem Besten!“ So wird das Kind programmiert, den Schmerz der Demütigung als nicht schmerzhaft zu registrieren. Es setzt eine gefährliche Desensibilisierung beim Kind ein.

Die Botschaften an das Kind, die selbst durch vermeintlich „leichte“ Schläge gesendet werden, sind also vielschichtig und fatal. Das Kind erfährt keinen Respekt und keine Wertschätzung, persönliche Grenzen werden so von uns Erwachsenen missachtet. Die Botschaft ist: Du hast meine Grenze überschritten – Deine ist mir aber nichts wert. Das ist elterlicher Machtmissbrauch.

 

Und es passiert noch etwas – und vielleicht sind Sie als Mensch bisher dieser Lüge aufgesessen? Denn: Schläge erhalten eine Lüge aufrecht, indem vorgegeben wird, erzieherisch zu wirken. Im Grunde aber strafen die Erwachsenen zumeist, weil sie als Kinder selbst geschlagen wurden und unbewusst etwas selbst Erlebtes wiederholen. Würden wir uns gegenüber sitzen, so würde ich die Frage stellen, wie war es eigentlich bei Ihnen? Vermutlich haben Sie selbst Schläge erlebt und die Programmierung  „es geschieht zu Deinem Besten“ hat vortrefflich funktioniert.

 

 

Nach meiner Erfahrung sind Erwachsene, die Kinder schlagen, immer selbst geschlagene Kinder. Eine gewaltfreie Erziehung ist aber möglich! Ich weiß, dass Schläge in den „besten Familien“ vorkommen können und ich arbeite tagtäglich mit Menschen, die auch Schulgefühle haben und die es anders machen wollen, als sie es selbst erlebt haben. Denn sie spüren auch, dass die Beziehung zu ihren Kindern belastetet ist. Sie suchen deshalb nach anderen Möglichkeiten und viele schaffen es auch, den Kreislauf zu unterbrechen. Denn eine Unterbrechung ist möglich und es gibt Alternativen, um die alltäglichen Konflikte mit Kindern gewaltfrei zu lösen. Ein „würdevolles Schlagen“ ist nicht möglich! Man kann nur schlagen und dabei die Würde des Anderen verletzen.

 

So ist für mich ist Ihre Äußerung ein Schlag ins Gesicht! Denn diese Haltung verharmlost öffentlich Klapse. Sie, als Papst sind für viele Milliarden Menschen eine wichtige moralische Autorität. Viele derjenigen, die ohnehin Gewalt in der Erziehung anwenden, werden sich durch Ihre Äußerungen bestätigt fühlen, andere werden verunsichert sein, wenn sie hören, dass Sie Gewalt in der Erziehung legitimieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder überall ein Recht auf gewaltfreies Aufwachsen haben – nur so kann ein friedvolles Miteinander wachsen. Hier in Deutschland übrigens haben wir uns zumindest rechtlich auf ein gewaltfreies Aufwachsen von Kindern verständigt, auch wenn der Alltag oft noch anders aussieht.

 

So, wie es nicht ein bisschen schwanger gibt oder auch ein bisschen „ich glaube an Gott“ - so gibt es auch nicht ein bisschen Gewalt! Gewalt ist Gewalt! Und ein Schlag ist Gewalt, der die Würde jedes Menschen, ob Kind oder Erwachsener, verletzt. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie als höchster Repräsentant der katholischen Kirche dies klar gestellt hätten.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihre

Katharina Saalfrank

 

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