Wertschätzung statt Abwertung - Einfühlung statt Erziehung Oder:

Was die Art und Weise, wie wir über Andere reden über uns selbst aussagt

Mir ist gerade dieses Interview begegnet. Ein Interview, in dem aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht über Kinder und Eltern und Beziehungsstörungen gesprochen wird. Ich könnte eigentlich zu ganz vielen Aspekten etwas schreiben. Erstmal kann nur sagen - und das ist für diejenigen, die mich kennen keine Überraschung - dass ich diese Sicht auf das Kind und die Interpretation dessen, was Kindheit und Familie heute ausmacht wirklich gar nicht teile. Meine Sicht auf Kinder und ihre Eltern, auf das Beziehungsgeflecht Familie ist gänzlich anders und Vieles, was hier in dem Interview interpretiert wird, würde ich - gerade im Hinblick auf die unterschiedlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Bindungs- und Säuglingsforschung, Hirnforschung und Entwicklungspsychologie ganz anders sehen und sehe auch in der Arbeit mit Eltern und ihren Kindern eine riesige Chance - und gar nicht schwarz, schon gar nicht für eine ganze Generation.

 

Unabhängig von den Inhalten, bin ich über die Art und Weise und den Stil des Interviewten immer wieder so sehr erstaunt! Es klingt für mich so abwertend, so urteilend, so beurteilend und so defizitär. Überhaupt so über kleine und große Menschen zu sprechen... es schmerzt mich, wenn ich das lese und an die vielen Menschen denke, die es gerne anders machen wollen und sich Gedanken über ihre Beziehung zum Kind machen. Ich habe mir nun darüber Gedanken gemacht, warum Menschen, die doch in einem Heilberuf tätig sind und unterstützen, begleiten und helfen wollen so wenig wertschätzend über die sprechen, die ihnen doch vertrauen sollen. Ein paar meiner Gedanken möchte ich gerne mit Euch teilen:

 

Zitat aus dem Interview: "Als ich Kind war, herrschte die Vorstellung, ein Kind müsse parieren, die Eltern bestimmten, und der Lehrer hatte immer recht. Laut den Verfechtern des heute populären partnerschaftlichen Erziehungsstils wäre meine Genera­tion ein Haufen psychisch labiler Versager. Tatsache ist, dass die meisten meiner Generation erfolgreiche Mitglieder der Gesellschaft wurden, dass sie umsichtig und lebenstüchtig sind."

 

Ich fühle mich hier einwenig angesprochen, wenngleich ich mich nicht als "Verfechterin" empfinde. Dennoch, ja, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern hat sich verändert und ich halte es nicht für entwicklungsfordernd, wenn der Stärke einfach bestimmt und immer Recht hat. Dennoch fühle ich mich ziemlich missverstanden und schräg wahrgenommen:

 

1. würde ich nicht sagen, dass ich einen "partnerschaftlichen Erziehungsstil" vertrete, sondern eine gleichwertige Beziehung zu Menschen (großen und kleinen) lebe. Auch "populär" empfinde ich in diesem Zusammenhang fast abwertend. Was ist falsch daran, wenn Eltern sich ein warmes und liebevolles Verhältnis zu ihren Kindern wünschen - dass wir nicht immer alles sofort "richtig" machen können liegt in der Sache der Natur. Dem mit Bewertungen und Vorhaltungen zu begegnen empfinde ich nicht als konstruktiv, sondern verunsichert Eltern zusätzlich! Dabei ist es so lohnend mit Eltern an dieser Stelle in eine Arbeit zu gehen, sie zu bestärken bei ihrem Wunsch das Kind in seinen Bedürfnissen ernst zu nehmen und gemeinsam neue Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten, wie ein neuer Führungsstil gelingen kann.

 

2. würde ich auch nie davon sprechen, dass eine gesamte Generation "ein Haufen psychisch labiler Versager ist". So würde ich auch einzelne, auch den Interviewten selbst nicht benennen wollen auch, wenn er sehr unfreundliche Bewertungen für uns Eltern und auch unsere Kinder hat. Dennoch: alleine diese Wortwahl würde mir bei allem Ärger gar nicht einfallen. Ich halte sie für destruktiv und abwertend. Das ist übrigens auch ein Teil, der mich so traurig zurück lässt: Diese Abwertungen, diese Bewertungen, diese "Kraftausdrücke", diese undifferenzierte Sicht auf das große Ganze, auf das, was Kinder und ihre Eltern sind, dieses "das ist richtig" und "das ist falsch", die sind "gesund" und die sind "krank", diese defizitäre Sicht auf Kinder, die sie schwächt und klein und hilflos macht, diese defizitäre Sicht auf große und kleine Menschen insgesamt und die Form ihr Verhalten zu kritisieren, scheinbar ohne Wohlwollen, ohne Interesse an dem, was dahinter liegt, ohne Wertschätzung, ohne Verständnis, ohne Empathie und Einfühlung. Das schmerzt mich richtig.

 

Und für mich ist das ein wichtiger Punkt, denn wenn der Interviewte von Menschen spricht und eine Zeit lobt, die davon geprägt war, dass "Kinder immer parieren mussten und Eltern, die immer bestimmt haben" (nicht nur im Alltag, sondern auch über Recht und Unrecht und darüber was zu fühlen ist und was auch nicht weh zu tun hat!) mal ganz abgesehen von den Lehrern, die immer Recht hatten, dann wissen wir heutzutage aus Bindungs- und Säuglingsforschung, aus der Entwicklungspsychologie und auch der Hirnforschung, dass eine solche Beziehungsatmosphäre den Menschen tatsächlich seelisch krank machen und Entwicklungstraumata entstehen können. Hierzu gibt es zahlreiche Literatur und auch die Psychotherapieforschung hat hier wertvolle Beiträge geleistet. Wir haben kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem. Ich frage mich warum? Ist es vielleicht unpopulär wertschätzend und fürsorglich mit anderen umzugehen? Ist es unpopulär sich zuzuhören und einander verstehen zu wollen, ist es unpopulär achtsam und vertrauensvoll miteinander zu sein? Und ist es populär abzuwerten, scharf zu kritisieren und "draufzuhauen", vernichtende Worte zu finden, den anderen sprachlos zu machen?

 

Es ist ein Irrtum zu glauben, wie es der Interviewte hier sagt, dass Menschen bei einer Atmosphäre, in der er groß geworden ist zu "psychisch labilen Versagern" werden. Eine Interpretation, die er vornimmt, aufgrund der Einwände, die "Verfechter" des "partnerschaftlichen Erziehungsstils" vorbringen. Auch hier fühle ich mich missverstanden und ich kann dieser Interpretation nicht zustimmen. Denn aus meiner Sicht passiert folgendes: Wenn Kinder in einer Atmosphäre aufwachsen, wo sie immer nur parieren müssen und der Stärkere Recht hat und bestimmt wo es lang geht, dann reagiert die Psyche und die Seele entsprechend: Menschen haben dann über ihre Entwicklung hinweg einen bestimmten emotionalen Bereich, die Empathie und die Einfühlung zu sich selbst abgespalten, abspalten müssen! Sie mussten das tun und es ist eine (für diese Beziehungsatmosphäre gute) Überlebensstrategie der Seele, damit diese nicht immer und immer wieder den Schmerz der Demütigung aushalten muss (ich habe Recht, nicht Du! Oder: Das tut nicht weh, stell Dich nicht so an! Oder: Du hast hier nichts zu sagen, ich bin der Stärke und Du hast zu parieren!). Das heißt, dass wichtige und wesentliche emotionale Grundbedürfnisse, die für ein gesundes psychisches und physisches Aufwachsen notwendig sind, die emotionalen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Geborgenheit, Liebe, Wärme, Nähe, Angenommensein, Autonomie, das Bedürfnis wertvoll für andere zu sein, immer und immer und immer wieder unterdrückt, verdrängt und zurückgestellt werden mussten. Das geht! Das geht natürlich! Der Preis ist allerdings hoch, denn wir verlieren ein Stück Beziehung zu uns selbst, das Mitgefühl, die Empathie und die Einfühlung für uns selbst und auch für andere geht verloren und/oder entwickelt sich erst gar nicht. Und dann kommen so Sätze wie: "Es hat uns ja auch nicht geschadet!" Hat es schon, es ist nur für Euch nicht mehr spürbar - für andere schon...

 

Nun, ich möchte hier nicht von einer ganzen Generation sprechen, und doch erlebe ich viele aus der älteren Generation, die sich mühsam in Therapien und therapeutischer Begleitung ihre Einfühlung "zurückholen". Das ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Ich erlebe die Äußerungen und Einschätzungen des Interviewten hier wenig geprägt von Wertschätzung für die Menschen, mit denen er zu tun hat, wenig geprägt von Differenzierung, Einfühlung und Empathie - manchmal spüre ich auch aggressive Anteile. Umsicht spüre ich jedenfalls wenig und lebenstüchtig? Ich weiß nicht... was ist das eigentlich? Tüchtig im Leben? Wenn man lebenstüchtig ist, ist man dann auch automatisch glücklich? Kann man Glück empfinden, sich spüren, gehört man sich selbst und keinem sonst? Kann man sein Leben gestalten? Verantwortung für sich und andere übernehmen? Ich weiß nicht, ob lebenstüchtig ein für mich passendes Ziel und ausreichend ist... mhmmm muss ich drüber nachdenken.


Und doch: Kann es nicht sein, dass diese Art und Weise, wie der Interviewte über ihm anvertraute große und kleine Menschen spricht, über sie urteilt, sie bewertet, kritisiert und als defizitär abwertet doch mehr über ihn selbst aussagt und weniger etwas über die kleinen und großen Menschen, über die er spricht? Und kann es nicht auch möglich sein, dass die Art und Weise, wie er urteilt und spricht auch aus dem resultiert, was er selbst in seiner Kindheit als Atmosphäre erlebt hat - laut seiner Aussage ja eine ganze Generation: Eine Kindheit in der Kinder nichts wert waren, der Stärke bestimmt und immer Recht hat und Kinder einfach nur parieren sollten!*

 

hier das gesamte Interview:

http://www.beobachter.ch/familie/erziehung/artikel/erziehung_viele-eltern-lassen-sich-vom-kind-steuern/

 

 

Weiterführende Informationen:

 

Praxis für pädagogisch-psychologische Beratung | bindungs- und beziehungsorientiert


bindungs- und beziehungsorientierte Pädagogik

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Mildi (Freitag, 30 Dezember 2016 13:42)

    Großartig!

    Ich bin so froh, dass ich so viel von Dir lernen darf, Katia ❤

  • #2

    Anita (Freitag, 30 Dezember 2016 18:02)

    Danke für diesen tollen,bewegten und kritischen Artikel.....
    Er öffnet mein Herz und die Hoffnung,dass die Generation meiner Tochter eine andere wird :-)

  • #3

    Carmen (Freitag, 30 Dezember 2016 19:44)

    Vielen lieben Dank. Du hast es auf den Punkt gebracht ❤️❤️❤️

  • #4

    Kokada (Samstag, 31 Dezember 2016 09:04)

    Danke!
    Toller Artikel. Ob es uns nicht geschadet hat.. Da denke ich auch oft darüber nach. Ich sage von mir selbst, dass ich wenig selbstbewusst bin. Mir fällt es oft schwer mich für meine Bedürfnisse einzusetzen und zweifle schnell an mir. Ich hasse es Entscheidungen treffen zu müssen, und ist es auch nur die Frage was ich im Restaurant bestelle. Ständig der Gedanke wie andere mein Verhalten beurteilen.

    Ich liebe meine Eltern wirklich sehr. Und sie waren auch nicht übermäßig streng würde ich sagen. Ich beschreibe meine Kindheit als glücklich. (bin heute Mitte 20)
    Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich einfach vom Wesen her so bin, oder ob das von meiner Erziehung kommt.

  • #5

    Nina (Samstag, 31 Dezember 2016 10:07)

    Danke!
    Ich bin Psychologin und kann dich nur bestätigen. Es sind Menschen bei mir in Behandlung, die ihre Bedürfnisse nicht nur ignorieren, sondern sie tatsächlich nicht kennen. Sie sind so weit weg von sich selbst und in unserer gemeinsamen Arbeit begeben wir uns auf die Suche nach den eigenen Bedürfnissen. Leider ist dieser Weg recht schwierig für viele, da sie von rigiden Glaubenssätzen gesteuert werden und diese nicht einfach so loslassen können. Das ist eben das Resultat der Erziehung zum Gehorsam und zur Anpassung. Es ist wirklich traurig, wie massiv der seelische Schaden oftmals ist und was daraus für eine erhebliche Symptomatik, oftmals auch somatische Beschwerden, entsteht eben als Konsequenz der Nichtbeachtung der eigenen Bedürfnisse.
    Ebenfalls sehe ich das Interview und die darin enthaltenen Aussagen als Spiegel von Teilen einer ganzen Generation, die über Abwertung das eigene Selbst aufrecht erhält beziehungsweise erhalten muss, da sie es so gelernt haben und davon abzuweichen höchst bedrohlich für sie, inklusive dem Interviewten, wirkt. Und da sind wir dann wieder alle gleich: denn eine Bedrohung kann man entweder Bekämpfen oder davor weglaufen, zumindest in einer ersten Reaktion. Im Weiteren kann man natürlich schauen, ob es einen konstruktiven Weg geben könnte, aber die primäre Reaktion ist eben doch auf rudimentäre Funktionen eingeschränkt. Und eben dies lässt mich traurig zurück, denn dieser Mensch ist ebenso hilflos und führt gleichzeitig viele Eltern in die Unsicherheit.
    So, ist jetzt doch etwas lang geworden.
    Liebe Grüße

  • #6

    Speedy (Dienstag, 10 Januar 2017 20:00)

    Gute Reaktion auf den Artikel. Durchdacht und prägnant (wenn auch etwas langatmig :) - braucht lange bis man durch ist).

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