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Nachgefragt

Katia Saalfrank über Kinder, Eltern und ihre Arbeit

eine Übernahme zur weiteren Verwendung und/oder Veröffentlichung der folgenden Zitaten bedarf immer der Freigabe von Katia Saalfrank. Bitte wenden Sie sich hierzu per Mail an unser Büro: Frau Henriette Jalupant, buero@katiasaalfrank.de



"Misshandlungen von Kindern finden meist im Verborgenen, im privaten Bereich - hinter geschlossenen Türen - in der Familie statt. Die Zeichen hierfür sind oft nicht eindeutig, zumal es sich nicht nur um physische, sondern auch um psychische Gewalt handelt.  Wenn wir in unserer Umgebung Anzeichen dafür haben, dass mit Kindern nicht gut umgegangen wird, dann sind wir alle gefragt! Wir dürfen nicht wegsehen, sondern müssen helfen. Helfen heißt nicht, die Mutter bzw. die Eltern zu verurteilen - Emotionen helfen da nicht weiter, auch wenn wir über den Umgang "geschockt" sind. Helfen heißt in diesem Fall das Amt informieren und konsequent dran zu bleiben."
Hier noch mögliche Anzeichen für Misshandlung: 
  • verschmutzte oder nicht wetterfeste Kleidung des Kindes,
  • extreme Kontaktscheu und Schüchternheit,
  • auffallende Aggressivität,
  • Sprachstörungen,
  • Betteln,
  • Herumlungern auf der Straße bis spät abends,
  • Eltern sind häufig alkoholisiert,
  • Gestank dringt aus der Wohnung,
  • Fenster sind zugeklebt, Vorhänge immer geschlossen, Rolläden heruntergelassen,
  • das Kind fehlt häufig im Kindergarten oder in der Schule,
  • Eltern gehen grob mit dem Nachwuchs um,
  • aus der Wohnung hört man oft Schreien oder Wimmern, kindliche Geräusche, obwohl die Eltern sagen, das Kind sei nicht da,
  • nicht altersgerechte Aufgaben, zum Beispiel wenn Siebenjährige ständig ihre jüngeren Geschwister versorgen müssen.
Manchmal ist es auch sehr schwierig, die Misshandlungen zu erkennen, da sie wirklich im Verborgenen stattfinden und Kinder auch oft in einer angstvollen Atmosphäre leben, die dazu führt, dass sie nichts sagen können und ausgeliefert sind. Genau hinschauen, kritisch bleiben und eigene Impulse wahrnehmen ist wesentlich - vielleicht können wir in Einzelfällen so dazu beitragen, dass Kinder aus solchen Situationen befreit werden.

 

"Oft können wir die Dinge nicht ändern - aber wir können den Blick auf die Dinge und so unsere Haltung verändern. Das ist schon viel."

 

"Ich bin überzeugt, dass Krisen Chancen sein können, wesentliche Aspekte in einer Beziehung zu erkennen und sie zu verändern.

 

"Durch Gespräche kann Entlastung und innere Bewegung in Gang kommen und so eine sichtbare Veränderung der Situation entstehen." 

 

„Es ist ganz normal, dass es in Beziehungen auch mal Schwierigkeiten gibt. Das ist ein Aspekt, den ich versuche in meiner Arbeit zu zeigen und in der Sendung zu transportieren. Menschen dürfen sich bei Bedarf Unterstützung holen und brauchen keine Scham zu haben. Ich nutze das Medium Fernsehen auch, um auf spezielle Beratungsangebote aufmerksam zu machen und Tabuthemen, wie Gewalt anzusprechen.“

 

 „Ich erlebe oft, dass Eltern ihren Kindern nicht zuhören können und dass sie wenig Verständnis für die Situation und Entwicklungsphasen ihrer Kinder haben.“

 

 „Ich bin nicht „Die Super-Nanny“, lediglich die Sendung heißt so. Ich arbeite in diesem Rahmen als Pädagogin, könnte aber genauso in einem Amt oder bei einem freien Träger arbeiten und beraten - mein Setting ist neu und gefällt mir sehr.“ 

 

„Zaubern kann ich auch nicht. Aber im Gegensatz zu der eher langfristig angelegten Arbeit, die ein Amt bzw. Kollegen leisten, kann ich im Rahmen meiner Kurzzeit- bzw. Intensivberatung andere Schwerpunkte setzen.“

 

„Ich spreche nicht von „Fällen“. Ich begegne Menschen und Familien - Fälle klingt abschätzig und trifft nicht mein Gefühl. Es geht nicht darum, ob eine Geschichten „härter“ oder „schlimmer“ ist. Es geht vor allem um Themen wie z.B. Gewalt in der Familie, das immer wieder tabuisiert wird. Wichtig ist, dass ich mit den Familien, den Eltern gemeinsam bespreche, wo die Ursachen liegen. Ich möchte die Eltern vor allem stärken und ihren Blick auf die Dinge im Sinne der Kinder verändern. Ich arbeite ressourcen-orientiert. Das heißt, dass jeder etwas mitbringt, jeder etwas kann und ich genau daran anknüpfen möchte. Die Menschen und die Gesellschaft schaut oft nur auf das, was nicht gut läuft und auf die Defizite!“

 

„Es sind immer bestimmte Umstände, die zu einer schwierigen Situation führen. Oft ist eben nur das Symptom zu sehen! Die Gesellschaft schimpft hier gerne schnell auf die Kinder, die in einer oft krankmachenden Umwelt gesund reagieren. Dennoch -  die Mutter oder die Kinder selbst sind nie schrecklich.“

 

„Ich schaue mir die Dynamik und die Geschichte der einzelnen Familienmitglieder an und frage mich: ,Was können die leisten, um das, was sie verändern wollen, zu schaffen?’ Einfach nur Regeln aufzustellen bringt nichts, das ist zu platt und hilft nicht bei tiefgreifenden Veränderungen. Um die herbeizuführen, müssen neue Handlungsalternativen und andere Strategien für das Verhalten der Eltern erprobt und gefunden werden. Allerdings mache ich in einem Punkt keine Kompromisse: Gewalt ist keine Lösung!“

 

Ich dringe ja mit dem Fernsehteam nicht einfach in die Familien ein, wir werden eingeladen und um Hilfe gebeten. Die pädagogische Arbeit mit den Erwachsenen und Kindern bedeutet einen großen Kraftaufwand für alle. Voraussetzung dafür ist, dass wir alle zurückhaltend und inhaltlich auftreten. Bei uns sind alle sehr verlässlich, da gibt es kein Gespringe.“

 

„Wir arbeiten sechs bis zehn Tage in den Familien, starten oft schon morgens um halb sechs mit der Arbeit um feststellen zu können: Was passiert schon kurz nach dem Aufstehen? Wie starten Eltern und Kinder in den Tag?“

 

Es hat sich viel entwickelt und verändert. Zu Beginn war das Format vorgegeben und sehr begrenzt, ich habe mich darin bewegt. Jetzt folgt die Kamera mehr mir und meiner pädagogischen Tätigkeit. Darüber bin ich sehr froh. Im Team zu arbeiten, bereichert mich sehr und ist Voraussetzung für diese Arbeit. Die Psychologenstellen für die Nachbetreuung und Ausstrahlungsbegleitung gab es am Anfang nicht und ich musste mich dafür einsetzen, weil ich es für die Familien und die Arbeitsweise wichtig finde. Was für neu und schön ist – ich kann meine Haltung zu Menschen und meine pädagogische Arbeit so noch deutlicher machen und so vorgehen, dass wir Dinge in der Familie positiv formulieren und am Guten ansetzen. Es geht nicht um Verbote und um das was nicht so gut läuft, sondern vor allem um das, was trotz aller Schwierigkeiten auch gut geht.  Das ist wichtig für die Familien, die Entwicklung und die Veränderung.

 

„Ich muss den Familien nichts „verbieten“ und kein Urteil fällen! Ich bin weder Polizist noch Richter und so darf erstmal alles in der Familie wertfrei so stehen bleiben. Dann frage ich die Familien: Was erwartetet ihr von mir? Im Folgenden versuche ich dann Muster im Verhalten zu begreifen. Was ich immer wieder bewegend finde, sind die Erfahrungen, die ich bei der intensiven Arbeit mit den Eltern und Kindern mache.“

 

„Wenn die Erwartung ist: Es soll in der Familie alles ganz anders werden und immer gut laufen, die Kinder sollen, funktionieren oder ähnliches. Das kann und will ich natürlich nicht leisten. Aber ich kann den Blickwinkel der Eltern auf die Kinder und die Dinge verändern. Die Kinder sind immer ganz offen und wunderbar in meiner Arbeit!“

 

„Die Grenze, wo wir gemeinsam etwas anstoßen oder sogar längerfristig ins Rollen bringen, ist fließend. Wichtig ist, dass die Familien nach meiner Arbeit nicht alleine mit allem bleiben. Die Nachsorge ist mir wichtig und gehört zu meiner Arbeit dazu. Das bedeutet, dass die betreuende Psychologinnen zum Beispiel Therapieplätze für die Mutter sucht oder sich darum kümmert, dass eine Familienhilfe vom Jugendamt übernommen wird. Ganz wichtig ist, dass auch bei der Ausstrahlung eine Psychologin bei der Familie sein kann, das Gesehene besprochen und die Arbeit insgesamt wertgeschätzt werden kann.“

 

„Viele der Familien haben bereits Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht. Manchmal haben sie Angst vor staatlichen Stellen, weil sie fürchten, die Mitarbeiter hätten längst eine vorgefertigte Meinung und üben nur Kontrollen aus, denen sie nicht standhalten können - das ist dramatisch und müsste meiner Meinung nach verändert werden.“

 

„Manchmal hilft es z.B. einer Mutter schon, wenn sie sich ein paar Stunden mit jemandem unterhalten und über ihre Probleme, die sie gerade hat und Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind aussprechen kann.“

 

„Ich bin erstaunt, wenn es heißt, dass der Rahmen, in dem ich pädagogische Arbeit mit den Familien leiste vom Staat nicht bezahlbar und umsetzbar sei. Meiner Meinung nach, müssen Gelder anders verteilt werden und die Hilfen individueller auf die Familien abgestimmt eingesetzt werden.

 

„Um die Erlebnisse in den Familien zu verarbeiten gehe ich selbst in Supervision. Das ist notwenig und eine Art „Psycho-Hygiene“ für mich, damit ich wieder psychisch erholt und guter Dinge in die nächste Familienarbeit gehen kann.“

 

„Ich finde Persiflagen auf meine Arbeit oft platt und auf dem Rücken der Kinder. Sehr gelacht habe ich, als Anke Engelke mich parodiert hat. Da ging es um mich und meine Eigenheiten, zum Beispiel, meine Stimmlage und dass ich immer den Finger an die Wange lege.“

 

„Es ist völlig destruktiv, wenn die Medien von „Monsterkindern“ oder „Monstereltern“ sprechen. Das wird der Sache nicht gerecht und ist abwertend den Kindern gegenüber.  Ich habe was dagegen, wenn Kinder nur funktionieren sollen.“

 

„Schwierigkeiten in der Erziehung – also eigentlich in der Beziehung, sind nichts Schicht-spezifisches. Im Gegenteil: Krisen gehören für uns alle zum Leben dazu und sind grundlegend.“

 

„Ich bekomme manchmal den Eindruck, dass Kinder, die sich nicht 100prozentig anpassen  und gute Unterstützung von ihren Eltern bekommen können, in unserem Schulsystem schnell durchfallen können. Ich habe schon kluge, lebendige Kinder erlebt, die aus unterschielichen Gründen einen Abstieg bis auf die Förderschule erlebt haben. Manche konnten sich einfach nicht durchsetzen, wieder andere haben vieles hinterfragt und zeitaufwändige Fragen gestellt! Dafür ist oft keine Zeit.“

 

Wo liegen denn ihrer Meinung nach die größten Probleme in der Erziehung heutzutage?

Ich glaube, die größten Schwierigkeiten bestehen darin, dass Eltern oft wollen, dass ihre Kinder 'funktionieren'. Diese Grenze, was ist noch im Rahmen, was gehört zum Entwicklungsprozess meines Kindes dazu und was ist jetzt schon nicht mehr in Ordnung, wo muss ich eine Grenze setzen - dass ist Eltern meist schon nicht mehr klar. Ich komme oft in Familien, in denen die Eltern so tun, als wären ihnen die Kinder zugelaufen. Oft können sie deren Entwicklung nicht mehr nachvollziehen. Dabei ist es normal, dass sich ein zweijähriges Kind mal auf den Boden schmeißt und auch mal schreit, trampelt und hau t. Das gehört einfach dazu. Und es ist normal, dass sich ein fünfjähriger so und so verhält... Ich habe manchmal das Gefühl, ich müsste das Bild der Eltern von ihren Kindern erstmal wieder zu Recht ruckeln.

Haben Sie DEN Erziehungstipp?

Die Menschen fragen mich immer nach Patentlösungen. Ich gebe keine Tipps, es ist einfach nicht möglich. Erziehen ist nicht wie kochen. Da kann man nicht hingehen und sagen: „Mach doch ein bisschen mehr Pfeffer dran oder Salz.", sondern es ist komplexer. Ich nehme mir gerne die Zeit mich mit den Schwierigkeiten auseinander zu setzen, aber einfach so Tipps geben, das geht nicht.

Aber Reden ist Gold?

Reden ist auf jeden Fall Gold und auch "sich Hilfe holen". Unterstützung ist ja nichts anderes als ein Austausch. Ich habe immer den Eindruck, wenn man erstmal über die Dinge gesprochen hat, die da im Raum stehen, hat man auch automatisch weniger Sorgen und weniger Angst, denn man trägt es nicht mehr mit sich rum. Man kann sich von Außen alles angucken, kann es auch noch mal abwägen, noch mal einordnen und dann wird die Sorge auch schon wieder ein bisschen kleiner.

>Sie sagten mal, Kinder passen heutzutage nicht mehr in unser Leben, was meinen sie denn damit?

Mein Eindruck ist, dass Kinder für viele ein notweniges Übel sind. Wenn wir keine Kinder haben geht es natürlich nicht weiter, aber Kinder mit allem was dazu gehört an zunehmen, das fällt schwer. Kinder ja, aber Dreck nein, Kinder ja, aber Lärm nein...

Kinder werden oft missverstanden und nicht gehört. Alles was Kinder sagen und machen hat einen Sinn. Erwachsene haben oft nicht die Kraft oder das Interesse, da genauer hinzugucken, sich mit den Kindern zu beschäftigen. Es ist alles zu anstrengend, alles zu schnelllebig, man muss seinen Job machen, man hat keine Zeit mehr. Da guckt man lieber, das man sein Leben auf die Reihe kriegt als das man sich für ein Kind entscheidet. Nachvollziehbar, aber nicht konstruktiv für Kinder.



Katharina Saalfrank
 
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